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Das Individuum und sein Jahrhundert

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Die Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur (STSL) veröffentlichen seit 1975 herausragende literatur-, geschichts- und kulturwissenschaftliche Arbeiten zur vornehmlich deutschen Lit...
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  • 09 September 1996
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Die neuere Forschung ist sich darüber einig, daß zwischen der Wichtigkeit des Bildungsbegriffs in den letzten 200 Jahren und seinem vagen semantischen Gehalt ein (scheinbares) Mißverhältnis besteht. Für die angemessene historische Analyse dieses und ähnlicher Begriffe wird Begriffsgeschichte eingestellt in einen theoretischen Rahmen, der Begriffe einem evolutionstheoretisch basierten Beschreibungszugriff zugänglich macht. Dabei kann auf Kategorien der historischen Soziologie Luhmanns und der Begriffsgeschichte Kosellecks zurückgegriffen werden. Das Korrelations-Dreieck, in dem ein Begriff historisch situiert ist, bildet sich aus: 1. seiner Bedingtheit durch die Gesellschaftsstruktur, d.h. seinen Funktionen und Problemreferenzen, 2. seinem Zusammenhang mit früheren Konzepten, 3. seiner Vernetzung mit anderen zeitgenössischen Begriffen. Für die Analyse dieser dritten Dimension wird ein Verfahren angewandt, das der Verfasser als Komponentenanalyse bezeichnet.

Als Komponenten des Bildungsbegriffs erweisen sich neben dem Individualitätskonzept einige Begriffe, die sich unter der Perspektive der Verzeitlichung analysieren lassen: genetisches Denken, Teleologie, Zeitökonomie. Die Begriffsanalyse macht auch die zahlreichen Funktionen von 'Bildung' sichtbar: soziale Integration und Distinktion, Selbstverständigung, Erklärungsmuster und Handlungsorientierung. Das Bildungskonzept der Goethezeit erweist sich als produktive Reaktion auf die Probleme, die durch die Umstellung von der stratifikatorischen auf die funktionale Differenzierung entstanden sind. So wird dieser Begriff bis ins 20. Jahrhundert durch seine Flexibilität und vielseitige Verwendbarkeit ein wesentlicher Faktor in der Koevolution von Semantik und Gesellschaftsstruktur.

Referenztext für die Begriffsanalyse ist Goethes Autobiographie "Dichtung und Wahrheit", die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als exemplarische Darstellung eines Bildungsganges gewirkt hat. Die Leistungsfähigkeit des Verfahrens zeigt sich auch daran, daß für das ausgiebig behandelte Thema 'Goethe und die Bildung' neue Einsichten erbracht werden. Detailliert analysiert werden der Titel und die damit bezeichnete Wahrheitsauffassung der Autobiographie sowie Goethes Darstellung seiner religiösen Entwicklung. Es wird gezeigt, daß dieses Werk nicht nur inhaltlich, sondern auch in seinen narrativen Strategien bis ins Detail dem Bildungskonzept vielfach verpflichtet ist.

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Price: $161.99
Pages: 237
Publisher: De Gruyter
Imprint: De Gruyter
Publication Date: 09 September 1996
ISBN: 9783484350564
Format: Hardcover
BISACs: HIS037030 HISTORY / Modern / General
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