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Verzögerte Diktatur
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06 July 2026

Auf breiter Quellenbasis wird in der Studie nachgezeichnet, wie der im November 1946 wiedereröffnete Landtag des späteren Landes Sachsen-Anhalt und sein Nachfolger bis Juli 1952 im Spannungsfeld von demokratischem Neubeginn und der sich in der Sowjetischen Besatzungszone anbahnenden neuerlichen Diktatur gearbeitet haben. Die Untersuchung folgt der Grundannahme, dass die damaligen Landtagsabgeordneten und Landtagsfraktionen ihre Arbeit in einer historischen Situation aufgenommen haben, in der zu Beginn noch eine relative Offenheit für demokratische Handlungsspielräume gegeben war. Die Offenheit schwand jedoch zusehends in dem Maße, wie die SED mit Unterstützung der Besatzungsmacht die Schließung vorhandener Freiräume systematisch vorangetrieben hat. Diese Gleichzeitigkeit von temporärer demokratischer Offenheit und schrittweise erfolgter autoritärer Schließung war ein besonderes Kennzeichen des etwa fünfeinhalb Jahre dauernden Interims des ostdeutschen Landesparlamentarismus während der frühen Nachkriegszeit. Eine Folge dieser Sondersituation war immerhin, dass in der SBZ/DDR eine ungebremst diktatorische Umformung des politischen und gesellschaftlichen Neubeginns gleichsam verspätet stattgefunden hat. In der solcherart verzögerten Diktatur wird ein frühes ostdeutsches Vorzeichen der deutschen Teilung erkennbar.
Everhard Holtmann, Zentrum für Sozialforschung Halle e.V., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Everhard Holtmann, Zentrum für Sozialforschung Halle e.V., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.